Es muss nicht gerade Zauberlehrling Harry Potter sein, aber mit der „Bezaubernden Erziehung“ sollen Eltern besseren Zugang zu ihren Kindern finden. Diese Methode stellte Referent Thomas Dietz bei den Novembergesprächen vor.© dpa

Bensheim. „Manchmal müsste man zaubern können.“ Den Wunsch, sich aus verflixten Verstrickungen herausbeamen und mit Magie neue Stellschrauben setzen zu können, verspürt wohl jeder, der in einer Klemme steckt. Die Erziehungsberatungsstelle im Wambolter Hof machte es möglich.Zum Auftakt der diesjährigen Reihe der Novembergespräche begrüßte Claus Schmiederer vom Team der Beratungsstelle am Dienstag mit Thomas Dietz einen Referenten, der sich über eine spezielle Methode seinen Klienten zuwendet. Er zaubert die vergrabenen Ressourcen und Potenziale mit Kunststücken, die sich positiv auf das Selbstwertgefühl niederlegen, zutage.Am Dienstag nahm er die Besucher sogleich mit in die magische Welt, die keineswegs vom Diesseits entrückt war, aber eine lebendige, kommunikationsfreudige und gelöste Stimmung hervorbrachte. Man erlebte hautnah, was die Illusion mit „Zauberpuste“ und „Feengeist“ bewirken kann.

Therapie und Hypnose

Thomas Dietz ist Logopäde und systemischer Therapeut, der – wie er sagte – gleich in der ersten Begegnung mit dem therapeutischen Zaubern „Feuer“ gefangen hat.Heute lehrt er als Dozent, wie mit kleinen Kunststücken innere Kräfte auch bei Kindern und Jugendlichen freigesetzt werden können.

Er selbst arbeitet in seiner therapeutischen Praxis mit einem Repertoire von über 50 Tricks, die er zu einem Kunstwerk verpackt.Hinter dem therapeutischen Zaubern verbirgt sich eine Kombination aus Zaubern und Hypnotherapie. „Zaubern ist ein faszinierendes Medium, um in Kontakt zu kommen und in magischer Atmosphäre zauberleicht Lösungsprozesse in Gang zu setzen.“Urheberin des therapeutischen Zauberns ist die approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Annalisa Neumeyer. moni

Gerade in einer defizitorientierten Kinderwelt, in der Unzulänglichkeiten und Fehler rot markiert werden, schafft die märchenhafte Sphäre ein Gegengewicht, das persönliche Stärken freisetzen kann. Unter dem Titel „Bezaubernde Erziehung – mal einen ganz anderen Weg zueinander finden“ hob der Referent in ein magisches Reich ab. Die Eltern nahmen die Ideenbörse gern an, die sie mit ihrem Nachwuchs am liebsten sofort ausprobiert hätten.Als Erstes packte der „Zauberer“ einen einfachen Teebeutel aus, ließ ihn mit „Feenpuste“ aus dem Publikum zur Rakete aufwerten, die dann die gute Fee zur Erde bringen sollte. Ihre drei irdischen Widersacher machten das Vorhaben vor Fahrtantritt jedoch zunichte, zerstörten Zünder und Raumkapsel. „Wenn ich will, finde ich eine Lösung“, munterte sie sich mit einer selbstbestärkenden Botschaft auf und kam mit Hilfe von außen zum Ziel.

Der „Zauberer“ zündete den leeren Teebeutel an, so dass glühende Flocken langsam in die Lüfte abhoben und dann als Asche auf dem „Tablett Erde“ aufgefangen wurde. Sie wurde nicht im Papierkorb entsorgt, sondern sorgfältig in einen bunten Briefumschlag als besondere Kraftquelle gefüllt.Das Ritual offenbare einen positiven, emotionalen Einfluss auf Kinder. Thomas Dietz erzählte von Fällen, in denen die Jungen und Mädchen den Umschlag gar täglich mit in die Schule genommen hätten.

Die geöffnete Tür in die Anders-Welt fesselte die Zuhörer. So fragten sich die Gäste im weiteren Verlauf des Abends: Wie konnte ein ausgewählter Mitspieler auf Anhieb die in seiner Abwesenheit vom Publikum ausgewählte Karte aus einem ausgelegten Stapel erraten? Die Zuschauer waren verblüfft. Der Trick lässt sich gut im Duo von Mutter oder Vater und Kind selbst vor einem größeren Publikum vorführen. Die beiden treten dann als starkes Team in den Fokus einer geheimnisvollen Welt und lösen Spaß, Lachen und Leichtigkeit aus. Wie auch am Dienstag.

Natürlich ist die Aktion in „Goldene Zauberregeln“ verpackt: Es darf niemals der Trick verraten und er darf auch nur einmal gezeigt werden. Dass sich durch solche Erfahrungen neue Beziehungstüren der beiden „Zauberer“ öffnen, war offenkundig. Selbst Kunststücke, die sich mathematisch erklären lassen, zeigten eine ganz eigentümliche Wirkung, als der Zauberstab ins Spiel kam. „Schillernde Diamanten“ nannte Thomas Dietz die von jedem auf Karten notierten Ziele und Wünsche. Wird aus dem Stapel eine Karte immer wieder wie durch Zauberhand durch Auszählen in den Fokus gerückt, gewinnt sie an persönlicher Bedeutung.

„Ich habe viele Novembergespräche in der Erziehungsberatungsstelle besucht, aber gebastelt und gezaubert hab ich noch nie“, so eine Besucherin, die offensichtlich dem Einstieg in die Welt der Illusion viel abzugewinnen wusste. moni

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 06.11.2014